Impuls zum 4. Fastensonntag 2020

Kreuzkirche offene TürIn unserer Gemeinde Heilig Kreuz haben wir die Fastenzeit mit „Perspektivwechsel“ überschrieben. Dass eine neue Sicht durch die Corona-Krise derart herausgefordert würde, war vor Wochen gar nicht zu ahnen. Wir stellen uns dem und halten für Sie, liebe Schwestern und Brüder, Sonntag für Sonntag Denkanstöße bereit.

Wir beten:
Ganz nah ist dein Wort,


Herr, unser Gott,
ganz nah deine Gnade.
Begegne uns denn
mit Macht und Erbarmen.
Lass nicht zu, dass wir taub sind für dich,
sondern offen mach uns und empfänglich
für Jesus Christus, deinen Sohn,
der kommen wird,
damit er uns such und rette
heute und täglich
bis in Ewigkeit.
(Huub Oosterhuis, Du wartest auf uns, Herder 1971, S. 5)

 

Aus dem Johannesevangelium: Die Heilung des Blindgeborenen
1 Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. 2 Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde? 3 Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. 4 Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen 7 und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen. 8 Die Nachbarn und jene, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte? 9 Einige sagten: Er ist es. Andere sagten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es. 10 Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden? 11 Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte sehen. 12 Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht. 13 Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern. 14 Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte. 15 Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Er antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich. 16 Einige der Pharisäer sagten: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen. 17 Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann sagte: Er ist ein Prophet. 18 Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des von der Blindheit Geheilten 19 und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sieht? 20 Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde. 21 Wie es kommt, dass er jetzt sieht, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen! 22 Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Christus bekenne, aus der Synagoge auszustoßen. 23 Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt ihn selbst! 24 Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist. 25 Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe. 26 Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet? 27 Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden? 28 Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. 29 Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt. 30 Der Mensch antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet. 31 Wir wissen, dass Gott Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er. 32 Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat. 33 Wenn dieser nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können. 34 Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus. 35 Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn? 36 Da antwortete jener und sagte: Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube? 37 Jesus sagte zu ihm: Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es. 38 Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder. 39 Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden. 40 Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind? 41 Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

 

Liebe Schwestern und Brüder,
es geht in dieser turbulenten Geschichte wesentlich um die richtige Sicht auf Jesus. Wozu ist er gekommen, was will er uns sein? Und es geht um die richtige Sicht auf den Menschen. Der Blindgeborene ist das Sinnbild des Menschen in seinem Blindsein, seiner Heilungsbedürftigkeit, in seinem Ringen um eine wahre Sicht auf sich selbst und auf Gott.
Jesus, das Licht der Welt, bringt die ganze Wahrheit zutage. Indem der Mensch sich ihm anvertraut, ihm, dem „Gesandten“ (Schiloach), hat alle Verblendung ein Ende. Der Blick auf den Herrn macht den Menschen zu dem, was er in Wahrheit ist.
Die Fachleute, die Theologen, die Pharisäer und Schriftgelehrten sind in unserer Textstelle diejenigen, die sich für sehend halten, aber blind bleiben. Sie schlagen Gottes Angebot aus, ja sie halten Gott heraus aus ihrem Dasein, um selber Herr sein zu können.
Auch der Kirche droht immer wieder, die Wahrheit verloren zu gehen. Worum dreht es sich bei uns? Um Gott oder um uns selbst? Es braucht einen Perspektivwechsel!
(Peter Nienhaus, Pfarrer)

Gebet:
Ich bin da vor dir, mein Gott.
Ich versuch, mein Leben zu verstehen.
Du kennst und verstehst mich besser, als ich mich kenne und verstehe.
Vor dir darf ich ans Licht bringen, was in mir dunkel ist.
Vor dir darf ich zulassen,
was ich vor meinen Mitmenschen zu verbergen versuche.
Vor dir darf ich annehmen,
was ich sonst nicht wahrhaben will.
Gott,
durch Christus hast du mich und mein Leben angenommen –
und du hast mich mit all meinen Schwächen und Fehlern angenommen.
Komm mir mit deinem Heiligen Geist zu Hilfe,
damit ich es wage, in das Dunkel meines Lebens zu schauen.
Hilf mir, mich zu verstehen.
Schenke mir das Vertrauen und die Hoffnung,
dass sich das Dunkel in mir in Licht und Leben verwandelt.
Befreie mich in Jesus Christus und durch die Kraft des Heiligen Geistes zu
neuem Leben. Amen.
(Erich Guntli, aus: Gotteslob 2013, Nr. 9,7)